13.12.2021

Daniel Osterwalder

Action follows Desaster

Muss das sein?

Alfred J. Chandler gab vor Jahren Orientierung mit »Structure follows process«, später verlängert um »follows strategy", was P. Drucker zum Anlass nahm, mit »Culture eats strategy for breakfast and disruption for lunch« eine Erweiterung auf den Tisch zu legen. Und jetzt Desaster - meine Fresse!

Chandler als auch Drucker setzten mit ihren Aussagen eine Prämisse im Sinne von: Gegeben sind Kultur und Strategie, wobei letztere gefressen wird. Daran hat sich die Organisationsentwicklung gefälligst zu halten.. »Action follows Desaster« folgt da einem anderen Impuls, ist eher eine Anlehnung an psychologische Theoriemodelle und überhöht - auch das typisch menschlich - eine einfache Beobachtung. die ich immer wieder mache. Nämlich die, dass wir erst angesichts von Desaster und Katastrohpe etwas ändern. Selbstverständlich darf ich meine einfachen Beobachtungen nicht überhöhen, bin ja auch ich nicht vor Selbstüberschätzung, Confirmation-Bias und anderen Denkverzerrungen gefeit.

Die Beobachtung ist ganz simpel: Werfen wir einen Blick in andere Lebenswelten, so fällt beispielsweise auf, dass Gletscher in den Alpen fast schneller wegschmelzen als das Soft-ice in der Hand, mit dem wir im Sommer irgendeinen Mangel überbrücken wollen. Vor dem exponentiellen Rückgang haben Glaziologien wie Wilfried Häberli bereits in den 90er Jahren gewarnt. Noch war das nicht sichtbar, noch konnten wir kein Desaster erkennen und noch fiel ja im Winter Schnee und so konnte das doch - falsch geschlossen - ja nur vorübergehend sein. Dass wir das Wetter im Winter nicht mit dem Verlauf und der Veränderung des Klimas gleichsetzen dürfen, verstanden wir in den 90er Jahren noch nicht. Und viele verstehen das noch immer nicht - anders ist nicht zu verstehen, wie wir unser klimaschädliches Verhalten nicht ändern und weiter aus Langeweile und Spass am Brausewind in Cabriolets und SUVs vollkommen jenseits von Sinn und Zweck Pässe hoch- und runterbrettern. Und ja: Noch ist zu wenig Desaster, noch hält der Fels am Berg mehr oder weniger, noch rutschen nicht ganze Communen zu Tale und noch sprechen wir von Klimawandel, als wäre das so ähnlich wie eine kleine Veränderung, die wir dann gerne anpacken wollen.

Auch ganz persönlich -: Nehme ich mir ausreichend Zeit, jetzt den Winter zu erfahren, zu erleben, wie alles in der Natur immer tiefer sinkt in die Regeneration bis hin zu den Raunächten, in denen die Welt stillzustehen scheint? Finde ich Gelassenheit ob all dem Gehetze rund um Covid-19, überlebter Weihnachtstradition und kann ich mich richtig davon absetzen und lösen von dieser eigenartigen Art des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, die weniger mit Sinn zu tun hat als mit Kaufrausch, Übermüllung und letztlich Trostlosigkeit aus der Erkenntnis heraus, dass die Leere bei allem Kaufen und aller Action nicht minder wird.

Enttäuscht - das ja, auch von mir persönlich. Enttäuscht darüber, sehr oft erst angesichts des Desasters zu reagieren und nicht vorher schon wahrzunehmen, dass etwas im »Busch« ist. Denn wenn wir jetzt - sehr leise und vorsichtig - in den Wald gehen, in der Natur verweilen, dann können wir es hören - die Stille, das Aufplustern der Wintervögel, das zaghafte Pfeifen, das sehr leise Rascheln und könnten uns damit verbinden. Mit dem Leben nämlich. Nicht mehr und nicht weniger.

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